IEAOV ("das Blaue vom Himmel") | Solo für Cello | Konzert für Computer & Cello

Peter Ablinger, Robert Höldrich, Michael Moser, Isabel Mundry, Winfried Ritsch
1997

Künstlerisches Projekt

 

IEAOV ("das Blaue vom Himmel") | Solo für Cello | Konzert für Computer & Cello

Konzertabend im Rahmen des Musikprotokoll am 3.10.1997:

 

Peter Ablinger
Instrumente und ElektroAkustisch Ortsbezogene Verdichtung ("das Blaue vom Himmel"), Violoncello

1995-97, U

Systemdesign: Robert Höldrich, Thomas Musil
Implementation: Thomas Musil
Außenaufnahmen: Peter Ablinger
realisiert am IEM Graz
Auftragskomposition des Musikprotokolls ´97


Isabel Mundry
Solo für Cello
U
Kompositionsauftrag des Musikprotokolls

 

Winfried Ritsch
Konzert für Computer & Cello
U

Michael Moser: Cello
Winfried Ritsch: Computerrealisation


Im Radio: österreich 1, Zeit-Ton, 23.00 Uhr, 13. 10. 1997


Peter Ablinger
Instrumente und ElektroAkustisch Ortsbezogene Verdichtung ("das Blaue vom Himmel"), Violoncello

"Was ist wenn ich auf der Autobahn von Wien nach München fahre. Besonders nachts. Alles bleibt absolut gleich: der Seitenstreifen, die überholspur, die Leitplanken, die regelmäßige Wiederkehr der Kilometerzähler; und wenn ich endlich aussteige, bin ich wieder in der Stadt. Unterwegs hat sich überhaupt nichts und ingesamt fast nichts verändert - und doch bin ich mit hoher Geschwindigkeit dahingerast und habe ein paar hundert Kilometer hinter mich gebracht. Ist das nun Prozeß? Oder ist das Statik?"

Peter Ablinger befaßt sich nicht allein mit musikalischen Zusammenhängen, sondern versucht, dabei auch unsere Wahnehmung zu reflektieren. Insbesondere interessiert er sich für alles, was die Wahrnehmung über- oder unterfordert. Dahinter steht das Interesse für musikalische Phänomene, die einer an diskursiven Erzählstrukturen orientierten Wahrnehmung kaum zugänglich sind. Zu diesen Phänomenen zählt pauschal gesagt alles, was den Klang als solchen und seinen Charakter betrifft, besonders jedoch das Phänomen der Klangfarbe. So befaßt sich Ablinger seit längerem mit dem Versuch, das Klangtotal zu komponieren. Dazu hat er ausgiebig mit den Möglichkeiten elektronischer Klangerzeugung experimentiert. Für seine jüngsten Kompositionen zentrale Bedeutung hat eine im elektronischen Studio entwickelte Technik der Klangbearbeitung, mit deren Hilfe er ein musikalisches Geschehen aus der zeitlichen Sukzession in die Gleichzeitigkeit transformieren kann. Diese Technik bezeichnet er als Verdichtung, technisch geht es um extrem dichte, kanonartig in sich verschobene überlagerungen von Klängen (etwa ein Glissandi durch den gesamten Tonraum) zu flächigen Klangstrukturen. Schon mit einem einzigen Instrument entsteht bei hoher Verdichtung ein ans Rauschen gemahnendes Klangtotal in der Farbe des Instruments. Die äußerst dichten Synthesen unterscheiden sich nur in Farbe und Oberflächenstruktur. Je mehr Material verdichtet wird, desto dichter die Struktur des Klanges, bis einzelne Klänge kaum noch zu unterscheiden sind.
Die Zeit, diese grundlegende Dimension unserer Wahrnehmung, hört auf, eine Dimesion der Klangstruktur zu sein. Der Klang scheint in der Zeit still zu stehn. Ablinger spricht vom Hochklappen der Zeit in den Augenblick, Ergebnis seiner Suche nach einer Möglichkeit, die Zeit aufzuheben. So vergegenwärtigt sich in der Verdichtung die Vorstellung von der Klangfülle einer absoluten Gegenwart. Wahrnehmungspsychologisch sind die Kompositionen des Klangtotals für den Hörer eine überforderung.
Das musikalische Phänomen besitzt tendenziell unbegrenzen Charakter. Als Gestalt ist es kaum noch zu erfassen, es verschmilzt geradezu mit dem Hintergrund und sogar mit dem Wahrnehmungsfeld selbst. Die Erfahrungen mit der Verdichtung sind in Ablingers neue Kompositionsreihe mit dem Titel Instrumente und ElektroAkustisch Ortsbezogene Verdichtung (IAEOV) eingegangen. Wie der komplizierte Titel besagt, sind hier auch traditionelle Instrumente beteiligt. Die elektronische Verdichtungstechnik heißt wegen der unmittelbaren Arbeit mit den Klängen "akustisch" und "ortsbezogen", weil sie mit den beteiligten Instrumenten jeweils während des Konzertes eigens erst hergestellt wird.
In dieser neuen Kompositonsreihe sind bisher drei Stücke entstanden: Läuterung des Eisens für Saxophon, Klavier und Schlagzeug, Portraits für zwei Violinen sowie das Blaue vom Himmel für Cello. Alle diese Kompositionen haben mehr oder weniger statischen Charakter. Auf diese Weise erlauben sie, ganz allmählich die Eigenarten eines Klangs zu erfassen sowie die merkwürdige räumlliche wie musikalische Verschränkung, die sich zwischen den Aktionen des Instrumentalisten und der verdichteten Klangfläche ergeben.
Sabine Sanio


Isabel Mundry
Solo für Cello

Die Form der Kompositon ist dem Weg eines Gedankens vergleichbar, der unvermittelt Neues ebenso enthalten kann wie Rückbezüge und Erinnerungen und dessen zeitlicher Verlauf keiner äußeren Logik folgt. Dennoch gibt es ein Netz von inneren Beziehungen zwischen einer Vielzahl von Elementen, die permanent erscheinen, verschwinden, sich verwandeln und verschmelzen; ein Prozeß, der sich in der Vielschichtigkeit von Klangereignissen des Instruments widerspiegelt.
Gleichzeitig tendiert die Form der internen Zersplitterung gelegentlich zur Selbstauflösung. Zwei eingeschobene Spiegelkanons lassen die Klänge zu Linien werden und die Zeit zum richtungslosen Raum. Doch auch sie bleiben flüchtig und werden gebunden an die Form, die aus dem Spiel von Gedanken besteht, wie auch aus ihrem Vergessen.
Isabel Mundry


Winfried Ritsch
Konzert für Computer & Cello

Kommunikation ist ein Grundbedürfnis der Menschen und kann als Voraussetzung für Intelligenz gesehen werden. Zur Kommunikation werden verschiedene "Schnittstellen", Punkte des Kontaktes mit anderen und des Austauschs mit der Außenwelt, verwendet, die heute in zunehmendem Maße durch technische Geräte erweitert bzw. verändert werden Jeder Mensch verfügt für seine Kommunikation mit anderen und der Außenwelt über Selektionsmechanismen, die in die Struktur der Information eingreifen, indem sie Teile erfassen und ausselektieren, die in anderen Kontexten wieder zusammengesetzt werden können. Schon deshalb funktioniert der Informationsfluß nicht immer linear und ist meistens bidirektional.

Diese Situation habe ich meiner Kompositon zugrunde gelegt und ihre grundlegende Struktur dementsprechend konzipiert: Der Zuhörer hört nicht dasselbe wie der Musiker und der Computer. Die Bande werden zerstört. Das für den Computer entwickelte System verfügt über Selektionsmechanismen, mit denen sich Klangquellen auswählen, erfaßte Klänge kategorisieren und speichern lassen. Es erlaubt auf diese Weise eine ganz bestimmte Art von Kommunikation und zugleich die Gestaltung des Resultats dieser Kommunikation, der Musik.

Die übertragung der Klänge erfolgt in der Konstruktion eines diesen Rahmenbedingungen genügenden Systems (s. Abb.). Dafür wurden dem Computer Selektionsmechanismen implementiert, mit denen sich Klangquellen auswählen, erfaßte Klänge kategorisieren und speichern lassen. Elemente der gespeicherten Klänge erfahren Veränderungen durch zeitliche definierte Prozesse, z.B. kurzzeitige Ausblendungen und Frequenzfilter. In einem Speicher setzen sich die veränderten Klänge neu zusammen. In einem anderen Archiv werden die Daten so behandelt, daß sie sich nicht verändern und jederzeit aufgerufen und abgespielt werden können.

Die Projektion des im Computer befindlichen Klangraumes erfolgt über mehrere Lautsprechergruppen aus einem 4-Kanal-Signal. Die räumliche Verteilung wird zeitlich so gesteuert, daß die Entwicklungen auch für die Hörer wahrnehmbar sind. Kein Punkt im Raum erhält irgendeine Priorität, vielmehr soll der ganze Hörraum gleichmäßig bespielt werden. Durch die so entstehende Live-Verstärkung des Cellos verschmilzt gleichzeitig dessen Klangraum mit dem des Computers.

Die wichtigsten Komponenten des Systems sind ein Computermusiksystem (SGI - Work-station mit Max/fts), ein Stereomikrofon zur Aufnahme des Raumes, ein Cello mit einem Mikrofon für Realklang und einem Pickup zur Selektion ohne Raumklang. In der Mitte dieses Sytems befindet sich der Hörraum.

Der Computer generierte zunächst zwölf jeweils mehrstimmige Instrumentenlinien, davon war die erste für Cello. Die Stimmen aller zwölf Instrumentengruppen beruhen auf einer musikalischen Zelle von zwölf Tönen, die immer in sich selbst abgebildet und variiert wird. Die so erhaltenen Events bedienen sich gespeicherter "Memories", um bestimmte Klänge zu erhalten. Auf diese Weise entsteht mit der Zeit ein orchestraler Satz (zwölf Instrumentengruppen mit bis zu je zwölf. Stimmen).

Alle vom Computer gespielten Klänge werden live auf der Basis der Cello-Stimme entwickelt. Das Cello spielt die erste Stimme der Komposition, der Computer analysiert sie und glliedert sie nach folgenden Kategorien: leise impulshaft, laut impulshaft, leise liegend, laut liegend. Mit diesem Material lassen sich im System neue Phrasen zusammenstellen. Diese Phrasen sind bis hin zur größten Verdichtung durch die restlichen Stimmen bestimmt.

Mit Hilfe von Experimenten mit dem Cellisten Michael Moser sowie dessen Analysen wurden Parameter für Kompositionsalgorithmen unter anderem aus Tonsatzregeln und aus den Spielmöglichkeiten am Cello abgeleitet. Direkt am Cello wurden Algorithmen zur Rhythmusauswahl und zur Klangauswahl der Spielarten entwickelt, die beide nach dem selben Prinzip funktionieren. Auf diese Weise wurde ein vom Computer benutzbarer Parameterraum errichtet und eine Stimme für das Cello ausnotiert.
Winfried Ritsch