Musikprotokoll 2005

Der Standard, 10. Oktober 2005

Aufwand und poetische Intensität

Uraufführungen beim musikprotokoll im Rahmen des steirischen herbstes

Von Ljubisa Tosic

Graz - Es scheint, als müsste man das Selbstverständliche nicht nur für Graz-Besucher, sondern womöglich auch für jene, die sich werbemäßig um die ehemalige Kulturhauptstadt kümmern, deutlich hervorheben: Die Helmut-List-Halle steht in Graz.

Da blättert man etwa in der Broschüre des Graz-Tourismus, blättert und blättert in der Bildergalerie der Sehenswürdigkeiten und erfährt auch etwas über das Murnockerl. Das ist jener von der Mur rundgeschliffene Stein, mit dem einst die Höfe und Plätze der Stadt gepflastert wurden und der sich heute noch im Hof des deutschen Ritterordens in der Sportgasse findet.

Es ist schön, darüber etwas zu erfahren. Aber man staunt dann doch nicht schlecht, dass man trotz intensiver Suche in der Graz-2005-Broschüre über die Helmut-List-Halle rein gar nichts erfährt.

Kein Gedränge

Diese Nichterwähnung wird kaum der Grund dafür gewesen sein, dass etwa beim Konzert des Radio-Symphonieorchesters Wien im Rahmen des musikprotokolls Gedränge nur auf der Bühne herrschte und die vielen leeren Zuschauerreihen umso deutlicher hervorstachen. Die Moderne ist grundsätzlich Publikumskummer gewohnt und hart im Nehmen. Doch die Erwähnung des zentralen musikprotokoll-Spielortes, der in Zukunft grundsätzlich ja jede Hilfe brauchen wird können, hätte nicht geschadet. Wie auch immer. Es entsteht jedenfalls bei so leeren Konzerten eine eigenartig flaue Stimmung, die so gar nichts Festliches hat. Da können auch Werke nichts ausrichten, dabei: Reperta für drei Stimmen und Orchester von Peter Androsch bietet zum Beispiel auch rein optisch ein bisschen was zum Schmunzeln.

Schädel abklopfen

In die Orchesterwogen mixen sich drei Stimmen, und zwischen Sprechen (Albert Hosp) und Singen (Anna Maria Pammer) ist da auch Platz für allerlei Lautproduktion - Dieter Bruckmayr wird gar angewiesen, seinen Körper als perkussives Instrument einzusetzen. Das reicht von Schädelabklopfen bis zum (von Verwandten aus der Tierwelt bekannten) Trommeln auf die Brust.

Stimmen auch beim etwas besser besuchten Konzert des Klangforums Wien: Dirigent Johannes Kalitzke lässt bei seinem Wanderers Fall den Textdichter Walter Raffeiner eigene Worte vermitteln - in einem durchaus packend nervösen Orchesterambiente.

Gerhard E. Winklers Sphaira setzt wieder auf einen Trialog des Vokalen, wobei neben Raffeiners Bariton auch Sopran (Angelika Luz) und Mezzo (Annette Elster) Schwerstarbeit verrichten mussten. Trotz allem blieb der Eindruck, das Stück sei ein wenig zu lang geraten, auch wenn songartige Momente einen witzigen traditionsgebunden Kontrast herstellen.

Hernach, beim Komponistengespräch, wollte Winkler über den Songaspekt nicht reden. Aber dieser Rückgriff auf eine alte Form passt ganz gut zu dem diesjährigen Thema des musikprotokolls "in stile antico e moderno". Natürlich nicht so gut wie Klaus Langs im Mausoleum uraufgeführte Missa beati pauperes spiritu. Da verschmolz Altes und nicht so Altes in Form von ehrwürdigen gregorianischen Kantilenen (Kantor: Pater Gerwig) und einer schwebenden, um sich herum kreisenden instrumentalen Fläche und bewirkten eine kontemplative Stunde, in der man die Möglichkeit bekam, sich wieder der Schönheit eines einzelnen Tones oder Klanges bewusst zu werden.

Zur Akustik des Mausoleums hätte auch Gerd Kührs Con Sordino gepasst. Ein Streicherquartett des Klangforums schaffte es aber auch in der List-Halle zu zeigen, dass mit dezenten Mitteln hohe Intensität der Poesie zu erzeugen ist. Kührs Revue instrumentale et électronique (Dirigent: Emilio Pomárico) war dazu ein üppiges Gegenteil, das sich diverser Stilfarben (bis hin zum Minimalismus) bediente, aber bei allem raumfüllenden Aufwand nur mit einzelnen Episoden überzeugte.

In Summe aber: viele neue Werke und wenig neue Stileinsichten.