BEM 11 - Zur Wahrnehmung zeitgenössischer Musik

Elisabeth Schimana, Josef Gründler (HrsgIn.)

06.01.2001 - 30.11.2002

Künstlerisch-Wissenschaftliche Publikation

Ressourcen: 

BEM 11

 

Zur Wahrnehmung zeitgenössischer Musik


 


Vorbemerkungen

Warum dieser Band in dieser Reihe?


Seit 1992 bietet das Institut für Elektronische Musik und Akustik mit den "Beiträgen zur Elektronischen Musik" eine Diskussionsplattform zu den Themenbereichen Akustik, Computermusik, Musikelektronik und Medienphilosophie.


Mit diesem Band wurde das Spektrum an Autorinnen und Autoren wesentlich erweitert, er ist das schriftliche Ergebnis des V:NM Forum 01, das unter dem Titel „Erörterungen zur Wahrnehmung zeitgenössischer Musik/Discussions on the Perception of Contemporary Music“ am 24. und 25. Mai 2001 im Institut für Musikwissenschaften der Karl-Franzens-Universiät Graz stattfand. Entlang der Aufführungen des V:NM Festivals mit u. a. elektronischer und improvisierter Musik aus Österreich und Tschechien beleuchteten JournalistInnen, KomponistInnen, MusikerInnen und MusikwissenschaftlerInnen in Arbeitsgruppen, Round tables und Panels die Situation der Wahrnehmung neuer Musik. Mehr als zwanzig musikalisch und paramusikalisch tätige Personen lieferten mit ihren Papers und Diskussionsbeiträgen den Text zu diesem Band. Neben V:NM waren fünf Institutionen und Organisationen bei der Verwirklichung des Forums beteiligt:


mica – music information center austria
Institut für Musikwissenschaften an der Karl-Franzens-Universität Graz
Institut für Elektronische Musik und Akustik an der Kunstuniversität Graz
ESC im Labor
Stockwerkjazz


Die im Vorfeld eingereichten Papers wurden nahezu unverändert übernommen und nach den drei großen Gruppen des Forums geordnet. Den Papers folgen Arbeitsberichte oder Transkriptionen von Diskussionen. Auf akademische Titel und Biografien wurde durchgehend verzichtet.


Die Breite der Kooperationen, die Heterogenität der Personen, steht beispielhaft für die Entwicklung in der zeitgenössischen und elektronischen Musik. Das Institut für Elektronische Musik und Akustik folgt mit der Herausgabe dieses Bandes in seiner Reihe dieser Entwicklung.


In der der medialen Wahrnehmung zeitgenössischer Musik, elektronischer Musik, oder wissenschaftlicher Arbeit ergeben sich gewisse Ähnlichkeiten . Die moderne Aufmerksamkeitsökonomie stellt diese Gebiete vor die Aufgabe, abseits von populärwissenschaftlichen oder populärmusikalischen Inhalten, einen Platz in der medialen Wahrnehmung zu erobern. Sie gelten als zu sperrig oder zu avanciert, um adäquat vorkommen zu können. Wir hoffen mit diesem Band einen kleinen Beitrag zur Verbesserung der Problematik beigetragen zu haben.


Josef Gründler, Institut für Elektronische Musik und Akustik




Warum diese Veranstaltung?


Als er abends mit dem Bildhauer Medardo Rosso im Cafe der Giubbe Rosse auf der Piazza Vittorio Emanuele in Florenz, dem heutigen Platz der Republik, saß und den Opernpotpourris lauschte, die eine Militärkapelle spielte, trat plötzlich ein Herr an seinen Tisch und fragte ihn: „Sind Sie Herr Soffici?“ Kaum hatte er die Frage bejaht, versetzte ihm der Unbekannte ein paar so heftige Ohrfeigen, dass der Stuhl umfiel.
[gelesen in christa baumgart, geschichte des futurismus 1966]


so erging es dem kritiker soffici, nachdem er es gewagt hatte, am 22. Juni 1911 in der zeitung la voce die italienischen futuristen zu kritisieren. eine amüsante begebenheit, die die klischeehafte diskrepanz zwischen kunst und kunstverständnis radikal auf den punkt bringt. auch heute nach fast einem jahrhundert verspüre ich als komponistin nicht selten große lust, an die rezipierende seite der zeitgenössischen musik zumindest im übertragenen sinn ohrfeigen auszuteilen.


keineswegs für ohrfeigen, sondern für einen sehr konstruktiven austausch der unterschiedlichen perspektiven, bot das V:NM festival in form eines forums entlang seiner aufführungen von elektronischer und improvisierter musik aus österreich und tschechien eine wunderbare gelegenheit.


journalistInnen, komponistInnen, musikerInnen und musikwissenschafterInnen beleuchteten aus verschiedenen perspektiven in drei themenorientierten gruppen die situation der wahrnehmung neuer musik. im folgenden band finden sich initialtexte, welche bereits vor beginn des forums eingesandt wurden, und verschriftete arbeitsergebnisse des forums.


Elisabeth Schimana, V:NM




Zur Form der Veranstaltung


Die "Wahrnehmung von Musik", die das V:NM Forum 01 sich zum Thema gestellt hat, ist zunächst einmal alltäglich – kaum ein Moment, in dem nicht irgendwo Musik wahrzunehmen wäre. Schon weniger alltäglich ist in diesem vom Autoradio bis zum Restaurant reichenden Schallfeld die Wahrnehmung von zeitgenössischen Kompositionen oder von improvisierter Musik. Ungewöhnlich ist gleichfalls die reflektierende Auseinandersetzung mit Musik über den Rahmen von Smalltalk, Konzertankündigung und Kurzkritik hinaus. Und geradezu defizitär ist die explizite Auseinandersetzung mit der Wahrnehmung von Musik.


Das mica – music information center austria hat sich der "Information im Musikzeitalter" verschrieben. Den vielfach zu spürenden Diskrepanzen zwischen heutigem Musikschaffen und seiner Wahrnehmung und Reflexion begegnet das mica mit der Förderung von Austausch und Kommunikation aller Beteiligten – von Musikschaffenden über Multiplikatoren bis zu den Rezipienten. Das mica versteht sich innerhalb dieser Konstellationen als kommunikative Schnittstelle und baut Verbindungen zwischen Musikschaffenden, Multiplikatoren und Musikinteressierten auf. Mit Veranstaltungsformen wie dem micadialog und dem micafocus (vgl. www.mica.at) geht das mica seit 1999 auf den hohen Bedarf an Diskurs und fachübergreifendem Praxiswissen im Musikbereich ein. Vor diesem Hintergrund hat das mica den Impuls des V:NM für eine gezielte Auseinandersetzung von Musikschaffenden, Multiplikatoren und TheoretikerInnen gerne aufgenommen. Der Beitrag des mica bestand dabei in der Einladung eines weiten Kreises von Interessierten über regionale, stilistische und fachliche Grenzen hinaus, in der Mitentwicklung einer Veranstaltungsform, die das "gemeinsame Denken" erleichtern sollte sowie in infrastruktureller Unterstützung bezüglich Austausch, Auswertung und Dokumentation der Ergebnisse.


Trotz – oder vermutlich eher wegen – der Heterogenität innerhalb des Forums ist es gelungen, eine ungewöhnlich produktive und anregende Auseinandersetzung über die unterschiedlichsten Tellerränder hinweg zu führen. Die umfangreiche Transkription der lebhaften ersten Plenums-Diskussion mag ein Beispiel dafür sein. Das ist neben der wechselseitigen Ergänzung von Konzerten, konzentrierten Arbeitssituationen und streitbaren Diskussionen vor allem dem überdurchschnittlichen Einsatz der zahlreichen in Graz beteiligten TeilnehmerInnen u.a. aus Österreich, Tschechien und Deutschland zu danken. Zu wünschen bleiben – auch über das V:NM Forum 01 hinaus – viele produktive Fälle von Horizonterweiterung im Blick auf die Vielfalt des heutigen Musikschaffens.


Peter Rantaša, mica – music information center austria